Arno Frank Eser - Toms letzter Weg
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Leseprobe

Tom hat inzwischen beschlossen, dass es doch wohl besser für ihn ist, wenn er die Bestrahlungstherapie macht, die ihm die Ärzte vom Krankenhaus Rechts der Isar angeboten haben. Die Ärzte haben ihn überzeugt, dass bei einem jungen Mann wie ihm, Anfang 40, sonst der Krebs zu schnell wächst. Es ist noch gar nicht lange her, da meinte er noch, dass er „solche Quälereien“ nach den Operationen nun nicht mehr braucht und wohl besser „gemütlich“ abschließt mit seinem Leben. „Aber man kommt ihnen ja nicht aus, diesen Ärzten, besonders dann nicht, wenn’s weh tut.“ Womit er anscheinend Recht hat.

Ich weiß nicht, welches Gespräch mit welchem Arzt ihn umgestimmt hat, oder ob er Schmerzen hat. Er lässt ja so gut wie nichts raus, dieser Sturkopf, will immer noch so viel wie möglich mit sich alleine abmachen, will immer noch so lange wie möglich normales Leben spielen. Aber ich nehme seinen Beschluss dankbar zur Kenntnis. Wo eine Behandlung ist, da ist ja auch Hoffnung, oder etwa nicht? Vielleicht doch nur unsinnige Quälerei, zur Freude des Krankenhaus-Schatzmeisters und zum Leidwesen der Krankenkasse? Keine Ahnung. Auf jeden Fall glimmt tatsächlich wieder so etwas wie Hoffnung auf. Wenn die Ärzte eine Bestrahlung empfehlen, dann müssen sie sich doch etwas davon versprechen. Oder wollen sie nur ihre Betten voll kriegen, ihre Apparate gewinnbringend einsetzen? Ich weiß es nicht. Und ich will es auch gar nicht wissen. Ich will einfach nur hoffen dürfen.

Wie dem auch sei, der Tom fliegt heute erst mal nach Bali. Hat Überraschungseier eingepackt, diverse andere Geschenke für Leute, die er vor Ort kennt. „Ja, ich mache diese Bestrahlung, gleich nach dem Urlaub“, sagt er zu mir, „aber es eilt wohl nicht damit. Das merke ich am ganzen Gehabe der Ärzte. Ob ich jetzt drei oder vier Wochen in Urlaub fahre, ist denen egal. In meinem Fall geht es nur noch um Maßnahmen, die das Leben verlängern, um ein paar Tage oder Wochen, vielleicht auch Monate, aber von Heilung spricht von denen keiner mehr. Ich bin ja nicht blöd, ich weiß, woran ich bin.“ Eine der wenigen konkreten Aussagen, die er zu seinem Fall macht. Während er seine Urlaubskoffer packt. Ich sage erst mal gar nichts. Mit Gedanken an Hoffnung oder gar Heilung will ich ihm nicht kommen. Ich glaube, ich würde mich lächerlich machen.

Wir vereinbaren, dass wir beide nachdenken. Er in Bali und ich zu Hause. Wie wir die nächste Zeit gestalten werden. Zusammen oder auch nicht. Dass wir an alles denken wollen, auf was wir achten müssen, was wir auf keinen Fall falsch machen dürfen. Er sagt mir, dass sein Testament („Man weiß ja nie, vielleicht stürzt der Flieger ab“), so wie in unserer Stammkneipe damals abgemacht, in der obersten Schublade seines Schreibtisches liegt. Und er sagt mir, wem ich seine teure Stereoanlage und wem welchen Teil der Lebensversicherung geben soll. Er weiß, dass er sich auf mich verlassen kann. Was mich ehrt. Aber nicht tröstet.

Früh morgens, zu nachtschlafender Zeit, fahre ich ihn zum Flughafen. Ich schmeiße ihn regelrecht aus dem Auto, mitsamt dem Gepäck, will den Abschied mit dem Hinweis auf das Parkverbot vor dem Terminal so kurz wie irgend möglich gestalten. Weil ich sonst heulen müsste. Lieber Gott, schenke ihm bitte den schönsten Urlaub seines Lebens. Machst du das für uns? Kannst Du das einrichten? Danke im Voraus!

Ach wie peinlich! Ich erfülle auch wirklich alle Klischees, die es gibt. Klischees wie „In der Not lernt der Mensch das Beten“. Dabei bete ich im „normalen“ Leben gar nicht; mein Verständnis von „Gott“ ist ein ganz anderes.



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